Die Fülle meiner Lebendigkeit

Lebendigkeit klingt so … lebendig, so vital, so lebensmunter, ja lebensfroh! Da kommen Bilder von Sommerwiesen, die wir zu zweit durchlaufen, runterkugeln und uns „so richtig“ spüren. Richtig ist dabei schon das fällige Stichwort. Mein Konzept von Lebendigkeit ist meist recht anspruchsvoll, normativ, und ganz schön rigide. Meist komm ich erst im Nachhinein darauf. Aber immerhin.

Und wenn du nichts spürst, dann spür das Nichts!

Auf einem 10-Tages-Meditationsretreat hatte ich täglich 10 Stunden Zeit, meinen Körperempfindungen auf die Spur zu kommen. Egal, wo ich mit der Aufmerksamkeit hingegangen bin, nach einiger Zeit spürte ich eine zarte Bewegung. Selbst die oft unbeachteten, unspektakulären, scheinbar tauben Stellen sind auf ihre Weise lebendig. Es war immer etwas wahrnehmbar, auch das „Nichts-Spüren“ ist Teil davon.

Lebendigkeit neu denken

Nach dem Retreat, so dachte, würde ich ganz gelassen sein und meine innere Ruhe ausweiten können. Das war zumindest mein Ziel. Genau das Gegenteil trat ein, unmittelbar danach war ich so unsicher und unruhig, dass ich mit kaum jemandem ins Gespräch kommen konnte. Ich war schon etwas resigniert, alle Müh umsonst? Das sagte das alte Konzept von Lebendigkeit – jetzt möcht ich ein neues, ein lebendigeres!

Bei mir taucht Angst auf, wenn ich dich seh!

Zu dieser Aussage kam ich vor ein paar Wochen nach einigem Filtern und Tiefergehen. Die „du bist …“ Gedanken und Botschaften sind verlockend, aber was nehm ich wirklich wahr, wie fühl ich mich? In Kontakt treten mit dem, was ich empfinde, erlebe ich als so heilsam. Heilen im Sinne von ganz werden! Es ist so verlockend in die kognitive Analyse zu gehen, bevor ich mit dem wirklich in Kontakt kommen, was lebendig ist. Aber damit lege ich dem Leben einen Riegel vor: diese Art von Lebendigkeit, nein danke! Dabei ist die „schreckliche“ Angst ein essentieller Beitrag zur Klärung einer Beziehung. Ich seh mich ganzer, und dich.

Emotional reifen heißt Verbindung halten

Zu was sage ich da eigentlich nein, wenn mich ein Gefühl irritiert? Ich sage ein Nein zu dem, mit dem ich nicht in Verbindung sein will. Weil es mich aus dem „Konzept“ wirft, im wahrsten Sinne des Wortes, es bringt mich vom Kopf ins Fühlen. Vom (Zukunfts)Ideal ins Jetzt. Gefühle kommen oft so „ungeplant“, dass wir gar nicht wissen, wie jetzt damit umzugehen. Und genau das ist die Kunst, in dem Moment wirklich präsent zu sein und zu spüren, was lebendig ist. Eine gute Übung ist es, anderen wach zuzuhören und in emotionale Resonanz zu gehen: Kann ich die Gefühle einfach nachempfinden, ohne sie zu beschwichtigen oder zu beratschlagen? Wenn nein, dann hat das oft mit mir selbst zu tun. Denn nur, wenn ich bspw. mit meiner eigenen Ohnmacht in Verbindung gehen kann, kann ich auch die Ohnmacht anderer anerkennen und wahrnehmen.

Gefühle bestimmen unsere Lebendigkeit

… ob wir wollen oder nicht. Oft haben sie ihre unmittelbare Funktion, oft tauchen Emotionen aus der Vergangenheit auf und wollen integriert werden. Oft kommen sie aus dem Kollektiven. Eines haben sie alle gleich: Sie wollen ihren Ausdruck finden. Hermann Hesse schreibt dazu: „Nur nenne keine Empfindung klein, keine Empfindung unwürdig! Gut, sehr gut ist jede, auch der Haß, auch der Neid, auch die Eifersucht, auch die Grausamkeit. Von nichts andrem leben wir als von unsern schönen, herrlichen Gefühlen, und jedes, dem wir unrecht tun, ist ein Stern, den wir auslöschen.“

Wenn du mich vermisst, dann vermiss mich!

Oft verstehen wir Gefühle als Handlungsaufforderung, dass sich was ändern soll, vor allem im Außen. Dabei beachten wir oft nicht, dass wir unsere eigenen Gefühle selbst erzeugen durch die Bewertungen, die wir fällen. So kann Aufregung zur Angst werden, wenn wir etwas als bedrohlich bewerten. Ich bewerte Aufregung selbst oft als gefährlich, weil unberechenbar, und komme in ein Unbehagen. Und genau da möchte ich ansetzen: einen mehr positiven, im Sinne von annehmenderen Zugang zu meinen Empfindungen zu finden; wirklich den Wert darin erkennen. Und der ist unmittelbar dieser: Sie führen mich in die Gegenwart. Und genau hier finde ich all die Fülle meiner Lebendigkeit.


By | 2010-09-27T00:25:04+00:00 September 27th, 2010|Wege zur Fülle|0 Comments

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